Mobbing im Sozial-
und Gesundheitsbereich ist keine Seltenheit.
Gemäss Studien wird in
deutschen Spitälern siebenmal häufiger gemobbt als anderswo (VSAO,
März 2000, Nr. 2).
Eine Umfrage des
Kaufmännischen Verbandes Zürich und des Schweizerischen Beobachters
ergab für die Schweiz, dass Mobbing in öffentlichen Institutionen,
Heimen und Spitälern öfters vorkommt als in der Privatwirtschaft
(Enkelmann 1994, in: Schüpbach & Torre 1996).
Das vermehrte Auftreten von
psychosozialem Stress und Mobbing im Dienstleistungssektor sowie im
Erziehungs-, Gesundheits-, Justiz- und Sozialwesen lässt sich mit
folgenden Faktoren erklären:
-
Hoher Kostendruck,
massive Sparmassnahmen, Stellenabbau, Überforderungen bei
gleichzeitiger Effizienzsteigerung, Qualitätssicherung und
Wirksamkeitsanalysen
-
Zum Teil unpräzise
Aufgabenbeschreibungen und kaum klar beurteilbare Arbeitsleistungen
-
Schwer definierbare und
zum Teil nicht messbare Erfolge und Ziele
-
Vermehrte
Projektions-Mechanismen unter den Mitarbeitenden
-
Geringere Bereitschaft
dieser Berufsgruppen, externe Hilfe anzunehmen
-
Spärliche Budgetierung
und Nutzungsmöglichkeit von Coaching, Supervision und Weiterbildung
-
Einzel-Coaching oder
Team-Supervision sind oft erst bei Krisen erwünscht und werden teils
als Zeichen von Schwäche gedeutet
-
Hohe Ideale, aber
geringer Ausbildungsstand bezüglich Konfliktbewältigung.
Mobbing im Spital
Erscheinungsformen unter
Kolleginnen und Kollegen
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Verbreiten von Gerüchten
über das Privatleben.
-
Verbreiten von
Unwahrheiten über den beruflichen Werdegang
-
Vorenthalten von
wichtigen Informationen.
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Vorschläge von jemandem
werden ignoriert oder systematisch abgelehnt.
-
Äusserungen von jemandem
werden ins Lächerliche gezogen
-
Man macht sich über das
Aussehen und den Lebensstil des Opfers lustig.
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Man lässt jemanden nicht
zu Wort kommen.
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Man hört nicht zu, läuft
davon.
-
Jemand wird übermässig
kritisiert.
-
Jede Handlung einer
Person wird kontrolliert.
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Jede Handlung einer
Person wird negativ kommentiert.
-
Man überhäuft jemanden
mit zuviel Arbeit.
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Man gibt jemandem zu
wenig zu tun und behauptet er/sie wäre faul.
-
Man stellt das berufliche
Können in Frage.
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Zu informellen Anlässen
wird jemand nicht eingeladen.
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Es werden ständig
Andeutungen gemacht.
-
Die physische und
psychische Gesundheit einer Person werden angezweifelt.
-
Die Persönlichkeitssphäre
einer Person wird missachtet.
-
KollegInnen die sich mit
dem Opfer solidarisieren, werden unter Druck gesetzt.
-
Vereinbarungen mit einer
Person werden nicht eingehalten und nachträglich in Abrede gestellt.
-
In den Pausen wird jemand
alleine sitzen gelassen.
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Verbindliche Termine
werden jemandem nicht mitgeteilt.
-
Jemand wird systematisch
isoliert.
-
...
Erscheinungsformen
seitens der Vorgesetzten
-
Es wird jemandem
Verantwortung entzogen.
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Jemand wird ad hoc zu
einem Qualifikationsgespräch bestellt.
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Anfragen einer Person
werden nicht beantwortet.
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Jemand wird unter seine
Kompetenzen zurückgestuft.
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Auf Wünsche bezüglich
Arbeitsplan und Ferien wird kommentarlos nicht eingegangen.
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Anliegen und Vorschläge
werden ignoriert.
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Jemandem werden Fehler
angelastet, die andere verursacht haben.
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Vereinbarte
Gesprächstermine werden nicht eingehalten und auch nicht abgesagt.
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Meinungen einer Person
werden als inkompetent abgetan.
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Die Belastbarkeit einer
Person wird öffentlich angezweifelt.
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Die Selbskompetenz einer
Person wird öffentlich in Abrede ge-stellt.
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Versuche des Opfers sich
zu wehren werden als unrechtmässi-ge Auflehnung taxiert.
-
Bei Beförderungen wird
jemand immer wieder übergangen.
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Bei der Zuteilung
spezieller Aufgaben wird jemand nie berück-sichtigt.
-
Man lässt eine Person im
Ungewissen darüber, wie man ihre Leistungen einschätzt.
-
...
Mobbing in Kinder- und
Jugendheimen
Mobbing als gelerntes
Muster in Familien, im Freundeskreis, in Schulen
Mobbing in Jugendhilfe-Einrichtungen anzugehen, ist ein wesentlicher
Bestandteil der Arbeit von Sozialpädaginnen und Sozialpädagogen.
Unsere Aufgabe ist es, mit Vorurteilen, Erfahrungen und
Stigmatisierungen von Kindern und Jugendlichen umzugehen, ihnen andere
Erfahrungen möglich zu machen, damit sie ein neues Bild von sich
selbst und dem eigenen Handeln und Reagieren entwickeln können.
Kinder und Jugendliche in
Heimen sind „SpezialistInnen“ im mobben, sie wurden damit gross, waren
Opfer und werden oft auch Täter/-innen. Zuvor waren sie innerhalb der
Familie, des Freundes- und Bekannntenkreises, und in der Schule
Mobbing ausgesetzt und haben gelernt, selber zu mobben.
Das Typische bei
Mobbing-Situationen im Heim
-
BetreuerInnen und
PädagogInnen arbeiten mit Kindern und Jugendlichen zusammen, die
meist wenig soziale Fähigkeiten (Kompetenzen, Ressourcen) besitzen.
-
Die BetreuerInnen
brauchen ein hohes Mass an sozialen Kompetenzen, um diese Arbeit zu
verrichten. Schwächen werden von Kindern und Jugendlichen schnell
erkannt und „ausgenutzt“.
-
PädagogInnen werden nicht
selten für das Fehlverhalten ihrer KlientInnen verantwortlich
gemacht. („Wenn Du Dich so kleidest, musst Du Dich nicht wundern,
wenn der Jugendliche dich „anbaggert“. Du weißt doch, dass er Dich
für unwiderstehlich hält.“)
-
Persönlicher Einsatz wird
gerade bei PädagogInnen, die mit männlichen Klienten zusammen
arbeiten, als sexuelles/emotionales Interesse ausgelegt. („Mich
wundert nicht, dass sie so gut mit dem Jugendlichen auskommt, ich
will nicht wissen, was die zwei machen, wenn sie mit ihm weg
geht.“).
-
Gute Beziehungen zu den
Klienten und Klientinnen schafft Konkurrenz im Team, weil in der
Arbeit jede/r gerne persönlich durchs Klientel akzeptiert werden
möchte. Dieses Abhängigkeitsverhältnis schafft Raum für
Mobbing-Handlungen.
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Personell schwach
besetzte Dienstzeiten (Nachtdienste, Wochenenddienste usw. liefern
die Pädagogin oder den Pädagogen in Krisenzeiten dem Klientel aus.
(„Heute hat Herr M. Nachtdienst, jetzt können wir’s ihm zeigen.“)
-
„Auffälliges Verhalten“
(auch mobben) wird damit „belohnt“, dass der Klient oder die
Klientin mehr Zuwendung (auch im Sinne von Sanktionen, Reaktionen,
Interventionen) erfährt. Sehr oft wird auch dem/der Täter/-in Raum
gegeben, um sein/ihr Verhalten ausführlich zu erklären,
auszubreiten, darzulegen zu rechtfertigen und zu begründen.
-
Gerade männliche Kinder
und Jugendliche reagieren stark auf den optischen Eindruck ihrer
BetreuerInnen. („Was ist denn das für eine, die ist ja viel zu
fett.“) und lassen sich zu abwertenden Bemerkungen hinreissen.
Mobbing als problematisches
Beziehungs-Muster zwischen SozialpädagogInnen und Jugendlichen
Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen arbeiten oft innerhalb eines
Klimas der destruktiven Konfliktverarbeitung, welches Mobbing leicht
zur Normalität werden lässt.
Widerstand gegen diese
„Unkultur“ zu zeigen, heisst Persönlichkeit zu sein. D. h. aber auch,
dass man sich dadurch erst recht ins Schussfeld von mobbenden
Team-Mitgliedern setzt. Anpassung an diese „Unkultur“ zu
signalisieren, heisst das Spiel mitzuspielen – man wird selbst zum
Mobbing-Täter/zur Mobbing-Täterin.
Das Klima, das zugewiesene
Kinder und Jugendliche bereits früher erfahren haben, finden sie im
Heim häufig wieder. Entwicklung im Sinne von Veränderungsmöglichkeiten
des eigenen Verhaltens wird somit sowohl für die Kinder und
Jugendlichen, als auch für Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen,
erschwert. Der Kreislauf zwischen mobben und gemobbt werden ist
geschlossen und zeigt meist eine aggressive Lösungssuche im Umgang mit
den eigenen Konflikten.
Mobbing als
problematisches Beziehungsmuster im Team
Die Auseinandersetzung mit Kindern und Jugendlichen, deren Selbstbild
und Selbstwert durch negative Erfahrungen geprägt ist, setzt bei den
einzelnen BetreuerInnen im Team ein hohes Mass an persönlicher
Standfestigkeit voraus. Aus Angst, als VersagerIn im Umgang mit
Kindern und Jugendlichen entdeckt zu werden, verschweigen viele ihre
Mobbing-Erfahrungen, die sie seitens der Jugendlichen erleben („Wenn
Du dem Jugendlichen keine Grenzen setzten kannst, solltest Du besser
Friseuse werden.“).
Teams, bei denen es nicht
üblich ist, solche Erfahrungen preiszugeben, unterstützen die
KlientInnen in ihren Mobbingaktionen. („Der Jugendliche hat schon
recht damit, dass Du als Mann wohl kaum der Typ bist, dem man
nacheifern möchte.“). Das Opfer steht alleine da, weil ein Kollege
oder eine Kollegin, die auf Mobbing-Aktionen reagierte, selbst zum
Opfer für die Kinder und Jugendlichen würde („Was mischt sich denn der
ein, der hat wohl was mit ihr.“).
Dies sind nur einige
Beispiele des sozialpädagogischen Alltags. Die Liste kann beliebig
verlängert und mit Beispielen ergänzt werden. Sicher ist, dass ein
Klima, in dem Mobbing zugelassen wird, sich auch sonst auf die
Befindlichkeit der einzelnen negativ auswirkt. In Bezug auf die
Mobbing-Opfer ist der Schaden so gross, dass diese oft Jahre brauchen,
um diese Traumatisierung zu verarbeiten.